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Mit dem Berliner "Mauerfall" bzw. der Grenzöffnung zwischen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Bundesrepublik Deutschland verlor die von der DDR über Jahrzehnte hinweg zu einer nahezu unüberwindlichen Trennlinie ausgebaute Grenze am 9.11.1989 ihr hässliches Gesicht. Großes Leid hatte sie seit ihrer Entstehung über uns Deutsche gebracht. Was sich in den Freudentränen jener Menschen am Tag der Grenzöffnung an Emotionen widerspiegelte, können in vollem Umfang vielleicht nur Jene von uns erahnen, für die der Begriff "Freiheit" nicht Alltägliches und Selbstverständliches darstellt(e).   

Die dramatischen Ereignisse jener Tage und die historischen Zusammenhänge dürfen nie vergessen werden. Die Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerungen an diese Begebenheit zu bewahren und das geschichtliche Bewusstsein, besonders der jungen Generation, zu fördern. Umfangreiche Sammlungen und Dokumentationen zeigen die menschenverachtende Grenzsituation in Lübeck von der Entstehung bis zur Öffnung 1989.

Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup e.V.


Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup

Slut up

Mitten durch Deutschland, von der Ostseeküste bei Lübeck bis in den Raum Hof in Bayern, zog sich eine rund 1393 Kilometer lange Grenze. Sie durchschnitt Ortschaften, trennte Familien, unterbrach Verkehrswege und zerstörte einheitliche Wirtschaftsräume ebenso wie historisch gewachsene regionale und politische Einheiten.

Der Grenzbereich zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg erstreckte sich auf eine Länge von ca. 136 Kilometern. Lübeck lag als einzige deutsche Großstadt direkt an der Trennlinie zwischen West und Ost bzw. den Machtblöcken NATO und Warschauer Pakt. Durch die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen verlor die Hansestadt Lübeck nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen großen Teil ihres "Hinterlandes".    

Das nachfolgend Gezeigte (Verwendung von Bild- und Kartenmaterialien nur für den privaten Gebrauch, Weiterverarbeitung/Wiedergabe in öffentlichen Medien nicht zulässig) möchte Ihnen einige informative Einblicke in den ehemaligen Grenzraum Lübeck geben. 

Herzlichen Dank dem Zoll und der Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz) für die Zurverfügungstellung von Fotos/Dokumenten.

Schild AUCH DRÜBEN IST DEUTSCHLAND

Das im obigen Foto gezeigte Schild AUCH DRÜBEN IST DEUTSCHLAND (vom "Kuratorium Unteilbares Deutschland" gestiftet) stand bis zum 14.12.1989 bei der Abschrankung Lübeck-Eichholz. Es erinnerte daran, dass das deutsche Vaterland an dieser Trennlinie zwischen Ost und West nicht zu Ende war, sondern dass man sich mitten in ihm befand.


Angehörige der DDR-Grenztruppen, Grenzaufklärer, an der DDR-Grenzsäule Nr. 82 (diese befand sich bei der Abschrankung Lübeck-Eichholz). Im Gegensatz zu den Grenzsteinen markierten die DDR-Grenzsäulen nicht den Verlauf der Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Die schwarz/rot/goldenen Säulen aus Beton standen mehrere Meter jenseits der Grenzlinie auf dem Gebiet der DDR.

Grenzstein

Ausschnitt Grenzkarte

Ausschnitt aus einer Grenzkarte des Grenzabschnitts "2", Grenzzug "d" (hier der Bereich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz). Wie die Karte verdeutlicht, gab es hier die Grenzpunkte 19,20,21 und 22. "Grenzpunkte" waren u.a. Grenzsteine.

DDR-Grenzaufklärer

Ein DDR-Grenzaufklärer (Gesicht aus Datenschutzgründen unscharf maskiert) an der Grenze bei der Abschrankung Lübeck-Eichholz. Gemäß dem Schild "Halt! Hier Grenze" (vom Bundesgrenzschutz aufgestellt) ist zu erkennen, dass der Soldat sich in unmittelbarer Nähe der Grenzlinie befindet. Auf dem Kunststoffpfahl steht "2 d 20". Das bedeutet, dass sich genau hier der Grenzpunkt "20" im Grenzzug "d" des Grenzabschnitts "2" befindet (siehe auch die Grenzkarte oberhalb dieses Fotos).

Schutzstreifen

oben: Schild "Schutzstreifen", aufgenommen in Herrnburg.

Viele Fluchtversuche aus der DDR scheiterten bereits im Hinterland. Ob von Kräften der Transportpolizei aus Zügen geholt, die sich noch weit entfernt von der innerdeutschen Grenze befanden,  oder von Volkspolizei bzw. Grenztruppen der DDR und ihren „freiwilligen Helfern" in der 5-Kilometer Sperrzone gestellt – für nicht wenige Menschen war der Traum vom "goldenen Westen" bereits zu Ende, bevor sie die Grenzzäune der DDR sehen konnten. Es brauchte schon sehr viel Glück und Vorbereitung, um zum Schutzstreifen, der eine Tiefe von bis zu 500 Metern hatte, "vorzudringen". Nur ein kleiner Prozentanteil der Fluchtwilligen schaffte es bis dorthin.

Und die Chance, die Grenzsperr- und Sicherungsanlagen zu überwinden und die letzten Meter bis zur eigentlichen Grenzlinie unverletzt  und erfolgreich zurückzulegen, war  gering. Der Versuch der „Republikflucht" kostete vielen Menschen die Freiheit, mehreren Hundert sogar das Leben.

Nicht jeder Grenztote war ein Mensch, welcher aus der DDR fliehen wollte; manches spätere Opfer wollte in den "Osten". Zu den Todesopfern, die es an der innerdeutschen Grenze im Raum Lübeck gab, zählt Herr Piorek. Er überquerte von Lübeck aus die Grenzlinie, um nach "drüben" zu gelangen. Über das, was sich am 6.12.1963 im Grenzraum Lübeck-Eichholz/Herrnburg ereignete, berichtete die Tageszeitung LÜBECKER MORGEN wie folgt:

Hans Werner Piorek

Die Freie Universität Berlin hat bezüglich des Todes von Hans-Werner Piorek Folgendes veröffentlicht (den Link anklicken): http://www.fu-berlin.de/sites/fsed/Das-DDR-Grenzregime/Biografien-von-Todesopfern/Piorek_Hans-Werner/index.html

Am 03.10.1969 passierte der Bundesbürger Wilhelm Droeger die Grenzlinie nördlich der gesperrten Straße Lübeck-Eichholz/Herrnburg und trat nach Überklettern des ersten Metallgitterzauns auf eine Mine. Erst nach längerer Zeit wurde er von Kräften der DDR-Grenztruppen geborgen. Er verstarb an den Folgen seiner erlittenen Verletzungen.

Bis 1984 (und darüber hinaus, siehe weiter unten) gab es im Raum gegenüber Lübeck erdverlegte Minen. Bis dahin kamen in diesem Grenzraum noch Menschen durch sie zu Schaden und wurden schwer verletzt. Die vielen Tiere, die durch Minen starben, dürfen ebenfalls nicht vergessen werden.

Auch an Siegfried Apportin möchten wir erinnern. Er diente damals bei der Grenzpolizei /Volkspolizei (der DDR) und wurde am 02.07.1950 von einem anderen Angehörigen der "VP", der "Fahnenflucht" beging, im Grenzbereich bei Palingen erschossen. Siehe hierzu das von der Freien Universität Berlin Veröffentlichte unter http://www.fu-berlin.de/sites/fsed/Das-DDR-Grenzregime/Todesfaelle-im-Grenzdien/Apportin_Siegfried/index.html

Gedenkstein für Siegfried Apportin, Aufnahme vom 25.09.2016

In der Palinger Heide, beim "Kolonnenweg", befindet sich ein Denkmal für den getöteten Grenzpolizisten Siegfried Apportin. Aufnahme vom 25.09.2016. 

Minensprengung bei Herrnburg. Minenräumpanzer im Minenfeld1984

Führungsstelle der DDR-Grenztruppen bei Herrnburg1987

Grenzraum bei Herrnburg. Dieses Foto wurde von derselben Stelle aus aufgenommen wie das über diesem Bild zu sehende (vom Hochstand des bundesdeutschen Grenzzolldienstes an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg). Allerdings n a c h  Sprengung der Minen. Statt des doppelreihigen Metallgitterzauns (MGZ) steht hier nun ein einreihiger MGZ, der höher ist (ca. 3,20 Meter statt ca. 2,40 Meter). Links im Bild die Herrnburger DDR-Grenztruppen-Führungsstelle, von der aus der jeweilige "Kommandeur Grenzsicherung" agierte. Führungsstellen ("FÜSt", bei den westdeutschen Grenzüberwachungsorganen als "Führungspunkt" (FP) bezeichnet), wurden zur Koordination und Führung des jeweiligen Grenzabschnitts als Teil der Grenzsperranlagen entlang der innerdeutschen Grenze errichtet. Der Turm einer Führungsstelle wurde aus quadratischen Betonfertigteilen (4 x 4 m Grundriss) gefertigt. Hier liefen die Alarme aus den Grenzabschnitten auf und von hier aus wurde die "Alarmgruppe" zur weiteren Unterstützung der Grenzposten vor Ort in Bewegung gesetzt. Durch den zuständigen  Kommandeur der Grenzsicherung (KGSi) wurden Maßnahmen eingeleitet und koordiniert.

Grenze zwischen Lübeck und Herrnburg1985

Foto oben: das 1985 aufgenommene Luftbild zeigt einen Teil des Grenzraums zwischen Lübeck-Eichholz und Herrnburg. Die freie Fläche im Bereich der beiden zu erkennenden DDR-Grenztürme (rechts ein BT 11, links die Führungsstelle) gibt es heute nicht mehr; hier stehen nun die Häuser des Neubaugebiets "Krüzkamp" 

An der Grenze bei Herrnburg1985

Grenzraum Lübeck-Eichholz / Herrnburg im Jahr 1985. Auch südlich des im Januar 1990 umgerissenen Beobachtungsturms begann später eine rege Bautätigkeit. Zunächst noch als Flohmarkt-Gelände genutzt, entstanden hier Neubauten. Das nachfolgende Foto, von Karsten Eckermann im Jahr 2014 aufgenommen, zeigt die Veränderungen.

Neubaugebiet Herrnburg2014

Feuerspucker an der Abschrankung Lübeck-Eichholz

An der Abschrankung bei Lübeck-Eichholz / Herrnburg war besonders in den Sommermonaten recht viel "los" - Auch ein "Feuerspucker" kam mal vorbei, um hier an der Grenze für etwas "Abwechslung" zu sorgen.

Lübeck- Eichholz HerrnburgDAMALS und HEUTE

GSSZ Grensperr-und Signalzaun

Der Grenzsperr- und Signalzaun (GSSZ) der DDR war im Raum zwischen der Ostseeküste bei Pötenitz und der Nordspitze des Ratzeburger Sees insgesamt 37,7 Kilometer lang (Stand: November 1989) 

Metallgitterzaun

Der Metallgitterzaun (MGZ) - Bestandteil der DDR-Grenzsicherungs- und Sperranlagen - war im Bereich zwischen der Ostseeküste bei Pötenitz und der Nordspitze des Ratzeburger Sees 39,9 Kilometer lang (Stand: November 1989). Wie im Foto links unten erkennbar ist, befanden sich im MGZ bzw. im "Grenzzaun I" (Bezeichnung DDR-Grenztruppen) in unregelmäßigen Abständen Durchlässe im Zaun. Durch diese kleinen Tore gelangten die DDR-Grenzaufklärer auf das "vorgelagerte Hoheitsgebiet".

Schild "Zonengrenze"

Achtung Minen - Lebensgefahr

Über 1.322.700 Stück Erd- und Bodenminen hatte die DDR seit 1961 an bestimmten Bereichen der ca. 1378 Kilometer langen Landgrenze verlegt. Im Raum gegenüber von Lübeck geschah das erstmals im August 1962. Zu den Minenopfern, die schließlich zu beklagen waren, gehörte sogar ein Elch (im Herbst 1970).
Die 1962 verlegten Holzkastenminen verrotteten jedoch relativ schnell und wurden - soweit noch vorhanden (nicht wenige waren zuvor durch Schneelast oder Tiere bereits explodiert) - schließlich
gesprengt, um Platz zu schaffen für jene Sprengstoffträger, die aufgrund ihres Materials (Plastik bzw. Duroplastik oder Polyäthylen) eine längere Lebensdauer garantierten. Zwischen 1968 und 1979 verlegten speziell ausgebildete Angehörige der DDR-Grenztruppen Minen der Typen PMN, PMP-71 und PPM-2 im Grenzraum Herrnburg. Fast alle der noch vorhandenen Minen wurden 1984 gesprengt (im Raum gegenüber Lübeck ca. 40000 Stück). Bei einer nach der „Wiedervereinigung" durchgeführten Nachsuche fand man im Raum zwischen Lübeck und der Elbe noch 111 Minen. Zu ihnen gehörte jene,  die nur wenige Meter neben der Straße lag, welche Lübeck-Eichholz und Herrnburg verbindet.  Was für ein großes Glück, dass hier nichts passierte!

Grenze zur DDR im Raum Lübeck

oben: die alte Karte zeigt den Grenzverlauf im Raum Lübeck-Schlutup bis südlich der Bahnline Lübeck-Bad Kleinen bei Herrnburg. Von Hand wurde zudem kenntlich gemacht, wo der doppelreihige Metallgitterzaun verlief (Zwischenraum vermint). In Verbindung mit dem im Anschluss publizierten Bild ist u.a. zu erkennen, dass das Minenfeld gegenüber Lübeck-Schlutup unweit des Schwarzmühlenteiches bzw. in Nähe der Wasserwerk-Ruine begann.

Beginn doppelter MGZ bzw. Minenfeld gegenüber Lübeck-Schlutup

Grenzverlauf bei der Schlutuper Wiek

Ausschnitt aus einer alten Karte. Rot markiert ist der Verlauf der Grenze zur DDR im Raum Lübeck-Schlutup bzw. der Schlutuper Wiek. Siehe hierzu auch die folgenden Fotos aus diesem Grenzbereich.

Grenzbereich an der Schlutuper Wiek

Grenzbereich bei der GÜSt Selmsdorf

Anfang der 1970er-Jahre herrschte im Bereich der Grenzübergangsstelle (GÜSt) Selmsdorf rege Bautätigkeit (siehe Foto oben).

Grenzbereich Selmsdorf / Lübeck-Schlutup

Als das oben gezeigte Foto Anfang der 1970er-Jahre entstand, mussten sich die westdeutschen Grenzbeamten, welche die Grenzabfertigung/Grenzkontrolle am Grenzübergang Lübeck-Schlutup vornahmen, noch mit einer behelfsmäßigen Unterkunft begnügen (siehe den markierten Bereich im Bild). Später wurde eine neue Grenzkontrollstelle errichtet - dort, wo sie entstand (einige Meter weiter in Richtung des Ortskerns von Schlutup), befindet sich heute die Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup. 

Grenzkontrollstelle Lübeck-Schlutup

Grenzkontrollstelle (GKSt) Lübeck-Schlutup. Als dieses Gebäude fertiggestellt und am 30.11.1979 eingeweiht wurde, waren die neuen Abfertigungsanlagen der GÜSt Selmsdorf bereits 7 Jahre in Betrieb (seit August 1972). Und als Manfred Krellenberg diese Aufnahme im Jahr 1983 fertigte, hätte er es für unmöglich gehalten, dass hier ein paar Jahre später ein "Grenzmuseum" sein würde!


grafische Darstellung: M.Krellenberg (mkrelle@t-online.de)

Alarmauslösung am Grenzsignalzaun - eine rote Rundumleuchte und ein Signalhorn sind in Betrieb gegangen. Scheinwerfer leuchten den Schutzstreifen ab und tauchen ihn in gespenstisches Licht. Wer oder was hat den Alarm ausgelöst? Ein Mensch oder vielleicht nur ein Tier?  In Kürze wird eine Alarmgruppe der DDR-Grenztruppen erscheinen, um die vor Ort befindlichen Grenzposten zu unterstützen - .... ja, so war es einmal, als die innerdeutsche Grenze noch existierte und es den "stillen Alarm" noch nicht gab. Die Alarmauslösung mittels Rundumleuchten und dem Ertönen von Signalhörnern hatte den Nachteil, dass nun auch der "Republik-Flüchtige" gewarnt war und sicherlich versuchte, schnellstmöglich von hier wegzukommen. Auch die bundesdeutschen Grenzüberwachungsorgane wie Grenzzolldienst und Bundesgrenzschutz konnten - sofern in der Nähe - jetzt ein besonderes Augenmerk auf diesen Grenzabschnitt legen und Zeuge dessen werden, was sich an der Grenze ereignete.


Foto oben: Grenzbereich an der Bahnlinie Lübeck/Herrnburg

Wer sich für den Grenzabschnitt Lübeck-Eichholz/Herrnburg interessiert, dem sei das von unserem Vereinsmitglied Manfred Krellenberg verfasste Buch "An der innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck und Herrnburg", welches mehr als 300 Seiten umfasst und viele Fotos beinhaltet, empfohlen. Siehe hierzu: http://www.manfred-krellenberg.de/171961.html

Zonengrenze beim Bahnhof Herrnburg

oben: der Grenzbereich unweit des Bahnhofs Herrnburg. Die Aufnahme entstand Ende der 1960er-Jahre

Grenzraum an der Bahnlinie Lübeck / Herrnburg

Blick vom Hochstand des bundesdeutschen Grenzzolldienstes auf den Grenzbereich an der Bahnlinie Lübeck-Bad Kleinen. Im Hintergrund ist der Bahnhof Herrnburg und links davor ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen erkennbar. Im Vordergrund ist ein vom Bundesgrenzschutz aufgestelltes Grenzhinweisschild zu sehen, ein paar Meter dahinter - bereits auf DDR-Gebiet - zwei DDR-Grenzsäulen.

DDR-Grenzsoldaten an der Grenze beim Bahndamm

Eine Aufnahme aus dem Winter 1983/1984. Es zeigt Soldaten der DDR-Grenztruppen unweit des Grenzverlaufs an der Bahnlinie bei Herrnburg. Zu dieser Zeit gab es noch die Minenfelder. Hinten links ist der doppelreihige Metallgitterzaun zu erkennen.

An der Grenze damals und heuteDAMALS und HEUTE

Grenzbereich beim Bahnhof Herrnburg

Blick vom Bahnhof Herrnburg in Richtung Lübeck. Erst wenn die DDR-Grenzorgane ihre Kontrollen bei den in Richtung Bundesrepublik Deutschland fahrenden Zügen beendet hatten, wurde eine Ausfahrt gen "Westen" ermöglicht.     

Fütterung der Grenzhunde

Zahlreiche Hunde mussten im Schutzstreifen ihren Dienst für die DDR-Grenztruppen verrichten – unter ausgesprochen widrigen Umständen.  Wer mehr über das (traurige) Leben dieser Tiere erfahren möchte, dem ist das Buch "Die Hundegrenze" (Autorin: Marie-Luise Scherer) zu empfehlen.

Im Grenzbereich gegenüber Lübeck gab es Ende 1987 drei Hundelaufanlagen und 103 Hunde / 103 Hütten. Das obige Foto, 1983 aufgenommen, zeigt Grenzsoldaten (mit LKW IFA W 50 unterwegs) bei der Fütterung der Leinenhunde im Grenzabschnitt bei Herrnburg.  

Ein BT 11 bei Herrnburg

Im Grenzbereich gegenüber Lübeck gab es Ende Dezember 1987 insgesamt 26 Beobachtungstürme aus Beton.  Im Hintergrund des Bildes ist die Herrnburger Führungsstelle der DDR-Grenztruppen zu sehen. Im Vordergrund steht ein sogenannter "BT 11". Diese runden Türme hatten schlechte Eigenschaften bei stürmischen Winden und durften ab einer gewissen Stärke nicht mehr besetzt werden. Die DDR ersetzte viele dieser BT 11 durch viereckige Beobachtungstürme (Grundfläche 2 x 2 Meter), siehe auch nachfolgendes Bild. 

DDr-Beobachtungsturm beim Bahnhof Herrnburg

DDR-Beobachtungsturm BTV

DDR-Beobachtungsturm beim Bahnhof Herrnburg

Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen neuerer Bauart. Dieser BTv (Beobachtungsturm viereckig) stand beim Bahnhof Herrnburg und wurde 1988 fotografisch abgelichtet. Der Fotograf befand sich im D-Zug, welcher gerade aus dem Bahnhof in Richtung Grenze bzw. Lübeck fuhr. Er ging dabei ein "Risiko" ein, denn das Fotografieren von Bahnhofs- und Grenzanlagen war laut den DDR-Gesetzen streng verboten. Was wäre passiert, wenn das Ausfahrtsignal plötzlich auf "Halt" gestellt würde und der Zug noch vor Erreichen der Grenzlinie stoppen müsste? Aber es ging letztlich alles gut... 

... und so kann auch das nachfolgend gezeigte Bild vom Bahnübergang Herrnburg hier veröffentlicht werden. Vor der Schranke steht ein Mann in der Uniform der DDR-Grenztruppen, wahrscheinlich zu den PKE (Passkontrolleinheiten) gehörend. Bei dem LKW handelt es sich um einen IFA W 50 der DDR-Grenztruppen.

Am Bahnübergang Herrnburg, 1988

Blick aus DDR-Wachturm in Richtung Lübeck

Blick aus der Kanzel eines Beobachtungsturms der DDR-Grenztruppen (Foto: Grenztruppen der DDR) in Richtung Lübeck-Eichholz. Der doppelreihige Metallgitterzaun ist gut zu erkennen. Zwischen den Zäunen lagen Minen (bis 1984). In diesem Grenzbereich bzw. ein paar Meter weiter nördlich kam es zu Minenexplosionen, nachdem Bundesbürger die Grenze in Richtung DDR überschritten hatten und durch Überklettern des ersten Zaunes in das Minenfeld geraten waren (1969, 1981). Eine männliche Person erlag den Verletzungen.

DDR-Grenzsperranlagen

Oben: Schematische Darstellung der DDR-Grenzsperranlagen aus der Zeit um 1980. Zwischen 1983 und 1985 gab es einige Veränderungen. So wurden z.B. die Erdminen gesprengt, die "Selbstschussanlagen" abgebaut, Zäune erneuert / modifiziert, akustische und optische Signalanlagen (Rundumleuchten/Signalhörner) demontiert und der "stille Alarm" eingeführt

Die Grenzsperr- und Sicherungsanlagen gegenüber dem Grenzabschnitt der Grenzschutzabteilung Küste 1 bzw. dem Zollkommissariat Lübeck-Süd (Raum Priwall/Ostsee bis Nordspitze Ratzeburger See) mit Stand vom 23.12.1987:

Beobachtungstürme aus Beton               Anzahl: 26

Erdbunker aus Betonfertigteilen             Anzahl: 6

Betonbrüstungen                                     Anzahl: 8

Sonstige Objekte                                     Anzahl: 10

Schutzstreifenzaun                                  Länge: 37,7 Kilometer

Betonmauer                                             Länge  : 2,2 Kilometer
 
Lichtsperren                                             Länge: 9,6 Kilometer      Anzahl: 6

Hundelaufanlagen                                    Länge: 9,9 Kilometer       Anzahl: 3

Metallgitterzaun                                       Länge: 39,9 Kilometer

   - davon einfach                                      Länge: 35,5 Kilometer

                 doppelt                                                   4,4 Kilometer

Kolonnenweg                                            Länge: 40,2 Kilometer

Kfz-Sperrgraben                                       Länge: 22,4 Kilometer

Durchlässe und Übergänge                      Anzahl: 22


Der Grenzbereich "An der Landesgrenze" / "Stumpfer Weg" bei Lübeck-Schlutup. Auf diesem Bild ist sehr gut zu erkennen, wie sehr man auf Seiten der DDR darauf bedacht war, freies Sicht- und Schussfeld zu haben. Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen, ein "BTv", stand an günstiger Stelle, um den Grenzbereich gut einsehen zu können.



Grenzöffnung November 1989

Video: Karsten Eckermann

Video: Manfred Krellenberg

Video: Manfred Krellenberg

Video: Manfred Krellenberg

Video: hier klicken: https://www.youtube.com/watch?v=-veMU98a6ls


Der damals von der Grenzschutzabteilung Küste 1 und des Zollkommissariats Lübeck-Süd zu überwachende Grenzabschnitt erstreckte sich von der Ostseeküste beim Priwall bis zur Nordspitze des Ratzeburger Sees bei Rothenhusen. Das 1985 aufgenommene Bild zeigt einen Teil des Grenzbereichs auf dem Priwall (eine etwa drei Kilometer lange Halbinsel an der Mündung des Flusses Trave. Er gehört seit 1226 zum Ortsteil Travemünde der Hansestadt Lübeck).


Das im Jahr 1985 aufgenommene Farbfoto zeigt die Einfahrt von der Pötenitzer Wiek in den Dassower See. Mancher "Republikflüchtige" schaffte es, in diesem Raum bzw. der näheren Umgebung die Grenzsperranlagen der DDR zu überwinden und in den Dassower See - den "Westen" - zu gelangen. Fischerboote  oder Kräfte des Zolls/BGS nahmen diese Leute dann auf und brachten sie in Sicherheit.

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffung Pötenitz/Priwall am 3.2.1990 (Fotos: Manfred Krellenberg)

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 03.02.19903.2.1990

Grenzöffnung Pötenitz / Priwall am 3.2.19903.2.1990

Brücke über Stepenitz

Die Mauer bei DassowDassow

Wer glaubt, dass es eine "Mauer" nur in Berlin gab, irrt - es existierten auch entlang der innerdeutschen Grenze Abschnitte, wo eine Mauer stand (vielfach aus Sichtschutzgründen), so auch bei Dassow (siehe das obige Bild).  Die Bewohner dieser Ortschaft mussten viele Jahre lang mit "ihr" und den anderen Grenzsperranlagen leben.

Grenzverlauf zur DDR im Bereich südlich von Lübeck

Eine alte Karte mit eingezeichnetem Verlauf der Grenze zur DDR im Raum südlich Lübeck bis Höhe Rothenhusen. Die nachfolgend gezeigten Luftbilder sind in diesem Grenzabschnitt gefertigt worden.

Absalonshorst

Absalonshorst, an der Wakenitz bei Lübeck gelegen, war schon damals ein beliebtes Ziel für Ausflügler aus Nah und Fern. Nähere Infos u.a. hier: http://wiki-de.genealogy.net/Absalonshorst

Lenschow und NädlershorstLenschow

Zur Erinnerung an Nädlershorst und Lenschow (S/W-Foto aus dem Jahr 1970, Farbfoto aus dem Jahr 1985). Das zu Mecklenburg/DDR gehörende Dorf Lenschow fiel im Jahr 1975 den Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR zum Opfer; es wurde geschleift. Nähere Informationen siehe hier: http://www.lenschow-in-memoriam.de/aktuell.html    Auch die bei Nädlershorst befindliche Wochenendsiedlung und das beliebte Fährhaus, eine  Gaststätte, existieren zwischenzeitlich nicht mehr; sie wurden im Zuge der Schaffung von Naturausgleichsflächen für die Autobahn A 20 abgerissen.  Vor Ort entstand im Jahr 2008 eine neue Brücke über die Wakenitz.

Ziegelhorst

Südlich von Nädlershorst, in Richtung Rothenhusen, befindet sich Ziegelhorst. Auf dem Foto, das um 1970 aufgenommen wurde, sind u.a. ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen (ein BT 11) und der doppelreihige Metallgitterzaun (MGZ) zu erkennen.

Rothenhusen

Bei Rothenhusen, an der Nordspitze des Ratzeburger Sees, endete der Bezirk der Grenzschutzabteilung Küste 1 und des Zollkommissariats Lübeck-Süd. In diesem Bereich gab es damals mehrere Fluchtversuche aus der DDR, die teilweise erfolgreich verliefen. Die Bilder sind um das Jahr 1970 entstanden.


Das Ende eines DDR-Wachturms vor den Toren Lübecks

Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen - ein sogenannter BT 11 - hat ausgedient und wird am 04.01.1990 bei Herrnburg umgerissen


Angehörige der DDR-Grenztruppen - Grenzaufklärer - und eine Streife des Bundesgrenzschutzes (BGS) an der innerdeutschen Grenze im Raum nördlich Lübeck-Eichholz bei "Schneiderswiesen". Im Gegensatz zu den Grenztruppen der DDR, die eine "Grenzsicherung" betrieben, überwachten BGS und Grenzzolldienst den ihnen zugeteilten Grenzbereich. Grenzschutz und Zoll sprachen sich bezüglich der Dienstverrichtung ab und sorgten dafür, dass immer mindestens eine Streife im Einsatz war. Bei Tag und bei Nacht. Ob auf dem Priwall, in Lübeck-Schlutup / Lübeck-Eichholz oder im Raum Groß Grönau: Zoll und Bundesgrenzschutz waren unterwegs und verrichteten auch unter schwierigsten Wetterbedingungen ihren Dienst.  


Unser "Webmaster" Manfred Krellenberg (das Bild zeigt ihn im Jahr 1984 an der innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck und Herrnburg). Manfred Krellenberg ist erreichbar unter mkrelle@t-online.de

Zollbeamter fotografiert Grenzaufklärer

Zollbeamter Krellenberg fotografiert DDR-Grenzaufklärer an der Grenze bei Herrnburg

Sollten Sie sich fragen, warum der Zöllner keine Dienstmütze trägt, dann schauen Sie sich mal das nächste Bild an... Zollhund ARCO hatte sein "Herrchen" entlastet und diese Pflicht übernommen!

ZollhundZollhund ARCO

Auch Schäferhund ARIE begleitete den Zollbeamten Manfred Krellenberg auf vielen Grenzstreifen. Im Buch „An der innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck und Herrnburg" schreibt  Krellenberg: „ ... Dieser Dienst an der Grenze war nicht „nur" mein Beruf – er  war „mein Leben" und ich habe mich von ganzem Herzen und voller Freude dieser „Arbeit" gewidmet.

Ohne Hund hätte ich diese Leistungen nicht vollbringen können. Das möchte ich an dieser Stelle zum Ausdruck bringen – und meinen vierbeinigen Begleitern D A N K E sagen! Dank für die Liebe und die mir erwiesene Treue, die ich auch heute noch ganz tief in mir fühle. Dank für den Schutz, den sie mir zuteilwerden ließen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dank für jede so herzliche Begrüßung, wenn ich zum Zwinger kam. Dank für jeden einzelnen „Wink", wenn es „Anzeigenswertes" zu vermelden gab.
Dank für jeden einzelnen Augenblick mit Euch! Wo immer Ihr jetzt seid, welches Kleid Ihr jetzt auch tragen mögt, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich unsere Wege eines Tages wieder in Liebe kreuzen."

Zollhund ARIEZollhund ARIE

Obwohl längst Vergangenheit, so hat die „Grenze" den immer noch beim Zoll tätigen Manfred Krellenberg bis zum heutigen Tage nicht losgelassen. „Wenn meine Zeit es erlaubt, kehre ich gerne mal wieder in den ehemaligen Grenzraum zurück und schwelge in Erinnerungen. Dann gehe ich auch dort  spazieren, wo einstmals die Soldaten der DDR-Grenztruppen entlang patrouillierten. „Sperrzone" und „Schutzstreifen" gibt es glücklicherweise nicht mehr."  Auf einer der vielen Märsche, die er entlang der ehemaligen Grenze machte, entstand das folgende Bild. Es zeigt einen Teil des Kolonnenwegs und des einstigen Kontrollstreifens im Bereich der Palinger Heide.  Die Aufnahme wurde am 26.04.1993 gefertigt. Zwanzig Jahre später, am 07.07.2013, wurde hier die 29-jährige Anna-Lena U. während des Joggens überfallen und getötet.

1993

Zum Gedenken an Anna-Lena U.

Dort, wo Anna-Lena U. ihr noch so junges Leben verlor, steht dieser Stein. Aufnahme vom 25.09.2016


Oben: Wenn man das am 25.09.2016 aufgenommene Foto mit dem aus dem Jahr 1993 (zwei Bilder zurück) vergleicht, sieht man, wie schnell die Natur ihren schönen Mantel über die "Geschichte" deckte. Entlang des ehemaligen Kontrollstreifens (rechts) stehen heute viele Bäume und verdecken den Blick auf jenes Gebiet, das einstmals frei von allem Bewuchs gehalten wurde.  

Ein paar Meter weiter nördlich sind die Betonplatten des Kolonnenwegs noch sehr gut zu erkennen. "Früher" fuhren die Fahrzeuge der DDR-Grenztruppen auf ihnen, nun sind hier viele Spaziergänger unterwegs und finden in der Palinger Heide Erholung. Aber aufgepasst: wer nicht Gefahr laufen möchte, auf eine Schlange zu treten, sollte seinen Blick gelegentlich vor die Füße richten. Nicht nur ungefährliche Ringelnattern gibt es hier; auch giftige Kreuzottern sind hier zu Hause (siehe nachfolgende Aufnahmen vom 25.09.2016)

Kreuzotter auf dem ehemaligen Kolonnenweg

In der Palinger Heide gibt es auch Giftschlangen

Kreuzotter auf dem ehemaligen Kolonnenweg in der Palinger Heide

Kolonnenweg in der Palinger Heide

Der frühere Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen unweit Herrnburg. Aufnahme vom 25.09.2016


Wir hoffen, dass auch der folgende Bericht ("Auf Grenzstreife") Ihr Interesse findet:

A u f   G r e n z s t r e i f e

Der Wecker kommt nicht zum Einsatz. Noch bevor er mich aus meinen Träumen reißen kann, stelle ich ihn aus. Wieder mal habe ich ihn nicht gebraucht. Es ist 02.45 Uhr. Für die einen ist es „mitten in der Nacht", für die anderen „früh am Morgen". Wie man es auch betrachtet: es ändert nichts an der Tatsache, aufstehen zu müssen. Nein, ich habe kein Problem damit – ein „Morgenmuffel" bin ich nicht! Was nicht heißen soll, dass ich nicht gern länger schlafe!

Um 03.40 Uhr habe ich meine Dienststelle,  das Zollkommissariat Lübeck-Süd in der Guerickestraße 2-4, erreicht. Alle Räumlichkeiten sind dunkel;  es ist kein anderer Kollege da. Ich schließe die Eingangstür hinter mir wieder ab;  sicher ist sicher – gerade zu dieser „unchristlichen" Zeit. Stahlrute, Pistole und Munition sind dem Stahlspind zügig entnommen. Ab zur Lade-Ecke. Schon ist die 9 mm-Faustfeuerwaffe vorschriftsgemäß durchgeladen und kann in das Holster gesteckt werden. Jetzt wird eine „frische" Batterie in eines der aus dem Schrank geholten Funkgeräte gesteckt. Der „Saft" muss schließlich ausreichen für die anstehende Schicht. Ich schaue  auf den am „schwarzen Brett" befindlichen Zettel, der Aufschluss darüber gibt, wie die einzelnen Streifen sich bei der Funkleitzentrale während des laufenden Monats zum Dienstbeginn anzumelden haben. „Zigarettenmarke" ist zu lesen. Nun denn…. . „Baldur von Baldur 2/55 kommen", sage ich, nachdem ich die Sprechtaste des eingeschalteten Geräts gedrückt habe. „Baldur 2/55 von Baldur kommen", höre ich und antworte daraufhin mit der Nennung von bekannten Glimmstängeln. „Verstanden, Ende Baldur". Der Kollege hat es „gut"; in etwas mehr als zwei Stunden hat er Feierabend – und für mich fängt der Dienst erst an. Aber nein, so darf und will ich es nicht sehen, schließlich gehe ich gern auf Streife. Auf „Patrouille" entlang der innerdeutschen Grenze – zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und der Ortschaft Herrnburg, welche sich auf der mecklenburgischen Seite dieser Trennlinie zwischen West und Ost befindet.

Mit meiner Unterschrift im Dienstbuch bin ich offiziell im Dienst. In einer viertel Stunde, wohlgemerkt. Nicht bereits jetzt, gegen 03.45 Uhr, denn der „Frühdienst", der für heute angesetzt ist, darf laut bestehender Regelung nicht vor 04.00 Uhr begonnen werden. Und ist dieser Dienst angetreten, hat man(n) ganze 10 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten. Dann muss die Dienststelle in Richtung Grenze verlassen werden. „Trödler" sollen so etwas „auf Trab" gebracht und daran erinnert werden, dass die warmen und trockenen Diensträume nicht dazu da sind, um hier länger zu verweilen. Nun, aus diesem Grunde bin ich (auch) heute bereits sehr früh hier, um mir jene Zeit nehmen zu können, die ich glaube zu benötigen, um gut vorbereitet zu „starten". Ich brauche nicht hetzen und lese mir die letzten Meldungen, die meine Kollegen in den Streifenmeldeblock geschrieben haben, sorgfältig durch. So wie es sich darstellt, ist wirklich Außergewöhnliches nicht dabei; lediglich die routinemäßigen Streifenfahrten/-gänge von den Angehörigen der DDR-Grenztruppen wurden dokumentiert. Dann kann es ja nun gleich losgehen. Nein, doch noch nicht – zuvor muss ich mich entscheiden, wie lange mein „Frühdienst" gehen soll. Wenigstens fünf Stunden sind Pflicht, länger als acht Stunden nicht erlaubt, sofern besondere Vorkommnisse dies nicht rechtfertigen. Ich trage als voraussichtliches Dienstende “11.30 Uhr" in die vorgesehene Spalte des Dienstbuchs ein. Die Anzahl der während des Monats zu leistenden Tag- und Nachtdienststunden will schließlich erfüllt sein. Besser, mit ein paar „Überstunden", als mit einem „Minus" in den neuen Abrechnungszeitraum zu starten. Im Dienstbuch werden nun auch eine „Anlaufzeit" und eine „Postierungszeit" eingetragen. Vorgesetzte wollen/sollen/müssen wissen, wo bzw. wann sie mich in meinem zu überwachenden Grenzbezirk antreffen können, falls sie das zu tun gedenken.  Nun gut. 07.00 Uhr werde ich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz anzutreffen sein. Und von 09.00 bis 09.30 Uhr beabsichtige ich, am Hochstand des Grenzzolldienstes bei der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg zu postieren. Wenn, ja wenn alles „normal" verläuft. Aber was ist schon „normal" an dieser Grenze! „Sie" ist dermaßen „unnatürlich", dass sie (zumindest für mich) zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas ganz „Außergewöhnliches" darstellt. Kann es einen interessanteren „Arbeitsplatz" geben?  

Bevor ich aufbreche, kontrolliere ich, ob auch wirklich alles dabei ist, was ich benötige. Ja, die Taschenlampe fehlt noch. Wenn es auch bald hell wird, so regiert doch noch die Dunkelheit. Die dienstlich gelieferte schwache  „Funzel" bleibt im Schrank. Ich greife lieber auf meine privateigene „starke" Halogen-Lampe zurück, falls „Licht" benötigt wird. Auch die Dienstferngläser des Zolls bleiben an Ort und Stelle. Ich habe mein eigenes; es ist noch lichtstärker – noch etwas besser. Die privateigene Fotokamera-Ausrüstung muss auch noch mit. Eine „Spiegelreflex" mit 500 mm-Teleobjektiv. Ein Konverter ist auch dabei und verdoppelt bei Bedarf die Brennweite. Gute Lichtverhältnisse vorausgesetzt, denn ein Stativ „schleppe" ich nicht auch noch mit.

Da ich einer Grenzaufsichtsstelle angehörige, die lediglich zu Fuß und/oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, will gut überlegt sein, was man(n) alles mit sich führt. Die Kollegen, denen ein Dienstkraftwagen zur Verfügung steht, brauchen sich diesbezüglich weniger Gedanken zu machen. Ich schon! Jedes Gramm Gewicht macht sich bei mir bemerkbar. Und dennoch: was sein muss, muss sein. Dazu gehören auch die hohen Lederstiefel, die ich trage – zu jeder Jahreszeit. Nein, mit gewöhnlichen „Halbschuhen" gehe ich nicht los. Sollen die anderen Kollegen es ruhig machen, wenn sie das für angemessen halten. Ich denke da etwas anders darüber – und weiß, dass ich eventuell auch dort entlang muss, wo es in das „Gelände" geht. Sollte ich das „Pech" haben und auf eine Schlange   treten, so würde mich ein eventueller Biss wahrscheinlich nicht schädigen. Allein schon aus diesem Grund sind die schweren Stiefel für mich unverzichtbar. Ich trage sie, auch im Sommer bei über 30 Grad im Schatten!

Fünf Minuten nach Vier. Ich verlasse die Räume der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz, die sich im Gebäude des Zollkommissariats Lübeck-Süd befinden. Erste Anlaufstation ist der Hundezwinger im Kleingartengelände bei der Straße „An den Schießständen". In ungefähr 10 Minuten werde ich ihn erreicht haben. Doch heute dauert es etwas länger. Am Lebensmittelmarkt, welcher sich an der Ecke Gutenbergstraße/Hans-Sachs-Straße befindet, sehe ich eine rote Alarmleuchte blitzen. Nun, wahrscheinlich Fehlalarm, denke ich. Dennoch schaue ich mir das Gebäude näher an. Mit der starken Halogen-Taschenlampe leuchte ich in das Innere des Geschäfts hinein – und sehe zwei Männer, die sich darin befinden. Einbrecher! Sekunden später wird meine Funkleitzentrale informiert. Es dauert keine drei Minuten, da rauscht der erste „Peterwagen"  heran. Ich verlasse diesen Ort, nachdem die Personen vorläufig festgenommen und in das Polizeiauto verbracht wurden. Der Tag fängt ja „gut" an, denke ich.

Und es / er geht weiter. Kurz vor Erreichen des massiven Gebäudes, wo einige Zollhunde des Lübecker Zollkommissariats Lübeck-Süd untergebracht sind -  auch meiner - höre ich plötzlich laute Geräusche. Mit enormem Krach rauschen ungefähr 20 Meter vor mir zwei Wildschweine aus dem Gebüsch und suchen das Weite. Spätestens jetzt wäre auch die größte „Schlafmütze" wach gewesen! Ja, das war ein gehöriger Schrecken! Glück gehabt, dass diese Situation glimpflich verlief, denn mit „Schwarzkitteln" ist nicht zu spaßen.

Als ich jene Tür aufschließe, die mich noch von meinem Diensthund ARIE trennt, fällt aller „Ballast" von mir ab – endlich bin ich wieder mit meinem vierbeinigen Freund vereint, sind wir zusammen und können wieder gemeinsam auf Streife gehen. Das freudige Gebell meines privateigenen Diensthunds lässt keinen Zweifel daran, dass auch ARIE so denkt. Mit einem „Affenzahn" saust er umher und springt mich immer wieder an, so „glücklich" ist er. Ja, das bin auch ich! Es gibt kaum Schöneres, als diese Momente, die auf diese Weise zum Ausdruck bringen: WIR GEHÖREN ZUSAMMEN!

Komm, mein Freund; ich mache jetzt erstmal deinen Zwinger sauber. Soweit es überhaupt möglich ist, sollst du dich hier einigermaßen wohl fühlen. Dass deine Schlafstätte gut „gepolstert" ist, gehört für mich dazu. Der Wassernapf wird neu gefüllt und das Trockenfutter (das du später mit deinem geliebten „Pansen" bekommst) jetzt soweit vorbereitet, dass es nachher, bei Dienstschluss, „servier-fertig" ist.  Die anderen Hunde, die sich in dieser Zwingeranlage befinden, tun mir leid. Auch sie möchten endlich raus, möchten sich bewegen. Ach, ich würde euch gern alle mitnehmen! Aber nur dieser eine hier – der ARIE – darf jetzt „glücklich" sein. Alle anderen müssen sich noch etwas gedulden, bis auch ihr „Herrchen" erscheint und sie „holt". Möge es recht bald geschehen!

Gute fünfzehn Minuten später erreichen ARIE und ich den Behaimring. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen, obwohl hier viele Leute wohnen.  Anja, jenes Mädel, das ich einmal kennenlernen und im Februar 1987 heiraten werde, wird zu dieser Zeit noch in tiefem Schlaf sein, als ich an jenem frühen Morgen jene Straße begehe, in der ihr Elternhaus steht. Doch noch haben sich unsere Wege nicht gekreuzt.

Aber dafür ist mir so gut wie alles andere „bekannt" in jenem Grenzabschnitt, der mir zur Überwachung zugeteilt wurde. Man sagt, dass die Zöllner alle „Sträucher" in „ihrem Beritt" kennen – ja, so ist es tatsächlich. Wer fast täglich in einem relativ kleinen Bereich unterwegs ist, weiß, wie es dort aussieht und was dort „hingehört". Das ist der Vorteil des Zolls! Im Gegensatz zu den Beamten des Bundesgrenzschutzes, die nur wenige Male im Monat in den Grenzdienst gehen und wenn, dann einen meist viel größeren Bereich zu bestreifen haben, so sind die Angehörigen des Zolls doch viel besser mit den Örtlichkeiten vertraut. Gibt es etwas Schöneres, als „das" tun zu können/dürfen, wozu man sich berufen fühlt?

Meinen „Traumjob" hatte ich gefunden – in jenem Moment, als ich im Rahmen eines Klassenausflugs die innerdeutsche Grenze erstmals besuchte. Es war im Jahr 1979. Die wenigen Minuten, die meine Mitschüler und ich an der „Zonengrenze" bei Lübeck-Eichholz verbrachten, hatten genügt, um in mir ein inneres Feuer zu entfachen. Ja, an dieser Nahtstelle zwischen NATO und WARSCHAUER PAKT entlang zu streifen – und das mit einem so hübschen Schäferhund, wie ihn der Beamte, der uns in den Grenzverlauf einwies, mit sich führte – das wäre was!

Dass es etwas wurde, habe ich nicht zuletzt meiner Mutter zu verdanken. Ohne ihre Hilfe wäre Vieles ganz bestimmt anders – und nicht in meinem Sinne – verlaufen. Wohl dem, der gute Eltern hat!

Man möge mir verzeihen, dass ich in jenen Augenblicken, wo ich den Behaimring bestreife, an etwas Anderes denke. In diesen Momenten  zählt nur das JETZT, bestimmt nur die Gegenwart das Handeln.

Schon ist der Bereich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz erreicht. Wenngleich es auch zu dämmern beginnt, so ist es doch noch ziemlich dunkel. Das, was ich sehe, ist nicht viel. Wie gut, dass ich mich auf meinen Zollhund verlassen kann. Er ist so viel mehr als „nur" Diensthund – er ist mein bester Freund! Sollte dort, wo wir uns jetzt gemeinsam hinbewegen, etwas „sein", so wird er es anzeigen; ich muss nur darauf achten, wie er sich verhält. Wenn er etwas „im Blick" hat, dann lässt er es mich wissen! DANKE, ARIE!

Ihn bei mir zu haben, ist im Grunde genommen viel wertvoller als die Anwesenheit eines  menschlichen Kollegen. Hunde nehmen „Dinge" wahr, die wir Menschen nicht oder erst viel später „registrieren" würden. Ein Zollbeamter, der allein  mit seinem „Beschützer" unterwegs ist, ist in der Regel eine viel „wertvollere" Streife, als ein Trupp von Bundesgrenzschutz-Beamten. Während es bei mehreren Leuten wohl kaum ausbleibt, dass man sich miteinander unterhält (was von „gegnerischen" Kräften auf relativ größere Entfernung hörbar ist, insbesondere während der Nacht), so sind Zöllner und Zollhund ein „Team", was sich auch ohne „Geplapper" versteht. Und wer etwas „mitbekommt", ohne zuvor wahrgenommen worden zu sein, ist in der Regel der Gewinner!

Aber ARIE ist entspannt. Nichts deutet darauf hin, dass sich unmittelbar vor mir  Grenzsoldaten auf dem „vorgelagerten Hoheitsgebiet" der DDR befinden. Vermutlich die nächsten sind Jene, die ich nun durch mein Fernglas betrachte; auf dem Beobachtungsturm „1376", wie der „BT", welcher gegenüber der sogenannten „Schlagbaum Eichholz" steht,  von Seiten des Zolls und BGS bezeichnet wird.  Es handelt sich wahrscheinlich um Soldaten auf Zeit oder um  Wehrpflichtige – genau weiß ich das nicht. Ihre Umrisse sind in meinem Nachtglas nur schemenhaft zu erkennen. Und doch sind es Menschen – wie ich. Mit all ihren Sorgen und mit all ihren Wünschen und Hoffnungen. Es sind Deutsche, Landsmänner – auch wenn sie auf der anderen Seite dieser Grenze dienen. Aber diese Männer haben einen Auftrag, der in bestimmten Bereichen im Gegensatz zu meinem steht. Würden wir aufeinander schießen bei Eintritt bestimmter Situationen? Ich befürchte ja!

Bevor ich mich mit dieser „Angelegenheit" näher befassen kann, zeigt mir die Realität, wo(ran) ich wirklich bin. Nordöstlich meines Standpunkts rauscht eine „LK 2-Stern-grün, 1-Stern weiß" in den Himmel. Was mag sie bedeuten? Man(n) müsste jetzt Einblick haben in die Interna der DDR-Grenztruppen. Und so frage ich mich jetzt, was drüben „los" ist – was war/ist der Grund für die Abgabe dieses Leuchtsignals? Es ist sehr schwer, die Entfernung zu schätzen, von wo aus die Leuchtkugel(n) abgeschossen wurden. Auf jeden Fall ist es erforderlich, jetzt zu beobachten, was sich „drüben" tut, was sich dort nun ereignet. Um auf die ungefähre Höhe des „LK-Verschusses" zu kommen, wechsle ich meinen Standort und betrete das sogenannte „Denkmalschutzgebiet", das sich nördlich der Abschrankung Eichholz befindet. Doch ich sehe und höre nichts; das große FRAGEZEICHEN bleibt bestehen.

Die Dienstanweisungen sind verpflichtend und veranlassen mich, meiner Funksprechzentrale Kenntnis zu geben über das, was ich gesehen/gehört habe. Gewiss, ich bleibe „vor Ort" und beobachte/"lausche" weiter, doch hat durch diesen Funkspruch nun spätestens jetzt auch die „Gegenseite" Gewissheit darüber, dass sich eine Streife des Zolls im Raum Lübeck-Eichholz befindet -sofern die im in Selmsdorf befindlichen Funkaufklärer nicht „schlafen", aber davon ist nicht auszugehen.

Obwohl nichts mehr zu vernehmen ist, so verbleibe ich mit meinem Hund unweit der Grenzlinie. Das ist meine Aufgabe, hierzu fühle ich mich verpflichtet. Mag es auch den einen und anderen Kollegen geben, der nun die Ruhe finden würde, um es sich in der in Höhe Behaimring  befindlichen Schutzhütte „gemütlich" zu machen; auf mich trifft das nicht zu. Jetzt ist es Zeit, EINSATZ und VERANTWORTUNG zu zeigen. Pflicht ist nicht eine Sache des Geldes, das man für seinen Dienst bekommt, PFLICHT ist etwas, was HERZ, EHRE und ANSTAND  auf einen Nenner bringen.

Anstatt in der Schutzhütte den Gashahn aufzudrehen und mit dem Feuerzeug jene Flammen zum Leben zu erwecken, die für eine wohlige Wärme sorgen, halte ich das Verbleiben an der unmittelbaren Trennlinie zwischen Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik für die gebotenere Maßnahme. Dass es richtig ist, erzählt mir das tiefste Innere.

Die Streifentätigkeit der DDR-Grenztruppen bleibt im „normalen" Rahmen. Nichts deutet darauf hin, dass hier etwas Außergewöhnliches von statten ging/geht. Und dennoch bleibt der Gedanke, dass da „etwas" gewesen sein könnte – das sich irgendwo dort, nicht allzu weit von mir entfernt, eine Tragödie vollzieht/vollzog, von der ich keine Kenntnis erhielt/erhalte. Das nehme ich mit. Heute, morgen  und auch im Jahr 2016 werde ich diese „Angelegenheit" nicht vergessen haben. Tief brennt sich Manches ein!

Die „Anlaufzeit" halte ich ein. Auch um 07.00 Uhr bin ich noch an jener Abschrankung, welche im Jahr 1958 von westdeutscher Seite errichtet wurde, um kenntlich zu machen: bis hierhin und nicht weiter; hier ist die Grenze. Wer das ignoriert, begibt sich in Gefahr, kann von Kräften der DDR-Grenztruppen festgenommen werden. Und eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe durch ein Gericht der DDR könnte folgen. Besser, man beachtet den Verlauf der Grenze! Auch wenn es JEDEM freigestellt ist, hier nach „Drüben" zu wechseln, wenn er möchte – sofern „er" im  Besitz des freien Willens ist und gegen ihn nichts vorliegt. Doch leider ist diese Auffassung der westlichen „Seite" eine ganz andere als die des „Ostens". Wer es bezweifelt, wird in der DDR ganz schnell eines Besseren belehrt…

Zollhund ARIE freut sich, als es gegen 08.00 Uhr weiter südwärts geht. Eine Zollstreife des „Vormittags-Dienstes" ist eingetroffen und löst uns ab. Wenngleich es auch keine Pflicht ist, diesen „Punkt" rund um die Uhr zu besetzen, so ist es doch von Vorteil, dass an Ort und Stelle immer eine Streife des Zolls oder Bundesgrenzschutzes präsent ist. Viel zu viel hat sich im Raum dieses „Besucher-Schwerpunktes" bereits ereignet, als dass man darüber hinweg schauen könnte. Nach  „Klönschnack" und Lageberichterstattung mache ich mich auf in Richtung Bahnlinie Lübeck-Herrnburg. Mein vierbeiniger Freund markiert hin und wieder „seinen" Abschnitt, während ich gelegentlich nach „Osten" blicke und versuche, die Lage an der Grenze im „Griff" zu behalten. Dann wird der Hochstand an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg erreicht. Von hier aus hat man(n) einen guten Einblick in das Geschehen im hiesigen Grenzraum -  den besten im mir zugeteilten Abschnitt.  Gegen 09.50 Uhr sehe ich, wie ein Streckenläufer der DDR-Reichsbahn sich in Begleitung von zwei Grenzsoldaten auf dem Gleis auf die Grenzlinie zubewegt. Kurz vor der Grenze bleiben die Soldaten stehen. Der Streckenläufer der Reichsbahn überquert allein die Grenze, um das unweit der Grenze, aber auf Bundesgebiet befindliche Vorsignal und anderes Bahntechnische zu begutachten/kontrollieren. „Guten Morgen", sage ich und nehme zum Gruß die rechte Hand an meine Dienstmütze, als wir uns Auge in Auge gegenüberstehen. Ein Zwinkern in seinen Augen ist seine Antwort. Ja, ich weiß, „viel mehr" ist nicht drin. Weder für den Reichsbahner, noch für die beiden DDR-Grenzsoldaten. Aber das allein bedeutet mir sehr viel – und zeigt mir, dass uns im tiefsten Innern mehr verbindet, als trennt.

Irgendwann ist auch hier die Zeit gekommen, um wieder in Richtung „Schlagbaum Eichholz" zu gehen. Der Kollege, der hier postiert, möchte auch mal „fort" von hier und sich „bewegen". Während dieser sich nun aufmacht, um den Grenzbereich Richtung Schlutup zu bestreifen, übernehmen ARIE und ich hier die „Wache". Dass es gut ist, „präsent" zu sein, beweisen die vielen Besucher, die an diese Stelle kommen, um hier nach "drüben" zu blicken. Mancher Bus „rauscht" heran und „speit" Menschen aus, die sich einen Eindruck von Jenem verschaffen möchten, was sich an Ort und Stelle tut. ARIE und ich werden all den Wünschen der „Besucher" gerecht. Wir dienen u.a. als „Fotoobjekte". Vor allem aber sind wir dazu da, dafür zu sorgen, dass es auch heute „ruhig" bleibt an jener Grenze, die niemals hätte Grenze sein dürfen. Nicht zuletzt aufgrund unseres Handels bleiben „Nichtbeachtungen des Grenzverlaufs" bzw. „Provokationen" (DDR-Jargon)  aus, kann pünktlich „Feierabend" gemacht werden.

Doch „Schluss" ist noch lange nicht. Viel zu sehr hat sich das  Erlebte „eingegraben" in die Seele. In manchem Traum noch heute unterwegs zu sein an jener Linie, die uns Deutsche voneinander trennte, ist ein hoher Preis, gewiss. Ihn zu zahlen, bin ich bereit – viel zu schön ist das, was uns am 9.11.1989 und 03.10.1990 widerfuhr!
 

Stockelsdorf, 30.09.2016

Manfred Krellenberg
  


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Hansestadt Lübeck (Fotos: Manfred Krellenberg). Das obere Bild zeigt die Kraweel Lisa von Lübeck beim Hansetag 2014 in Lübeck, das Holstentor und den Dom zu Lübeck. Foto unten: Bereich Obertrave

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